oder - Kleinstadt-Tristesse
Ich starte mein Vorhaben, bei Nacht das Berner Längasse-Quartier zu durchwandern um 0:45 Uhr in der Innenstadt. Im Rock & Eat herrscht ausgelassene Stimmung, einzelne Gestalten und Pärchen treten lachend oder still hinaus, verschwinden in irgend eine Richtung oder steigen in ein wartendes Taxi. Ich gehe die Schanzenbrücke hoch, neben mir raschelt das Gebüsch und wie ich hinschaue, gewahre ich einen dünnen Mann mit einer Wollmütze, der anscheinend im Gebüsch oberhalb der Bushaltestelle etwas (irgendetwas) sucht.
Ich passiere die Welle, auf der einsam ein Nachtwächter seine Schicht abhält. Sonst sehe ich keine Leute. Ein kurzer roter Bus braust die Schanzenbrücke hoch in einem Tempo, das am Tag wohl kaum zulässig wäre, hinunter fährt zur gleichen Zeit ein Fahrrad. Der Fahrtwind des Busses wirbelt mitten auf der Strasse einen Papiersack in die Luft und eine Plastikhülle, wahrscheinlich von einem Fertig-Sandwich. Ein Streifenwagen fährt hoch, ich meine, er verlangsamt, als die Polizisten mich auf dem Trottoir stehend etwas Notieren sehen. Am Obergericht vorbei gelange ich auf den Falkenplatz und betrachte das Boot vor dem griechischen Restaurant. Aus dem Keller dringt dumpfe elektronische Musik empor, zuerst glaube ich, im Plaza liefe die Musik, aber tatsächlich ist alles dunkel. Eine Katze blickt mit leuchtenden Augen um die Ecke, als ich vergeblich versuche durch das am Boden befestigte Gitter etwas zu erkennen. Ohne mehr über die Musik herausgefunden zu haben, gehe ich weiter auf dem Trottoir.
Etwa im Abstand von zwei oder drei Minuten fahren gelbe Postlastwagen durch das Quartier. Vor dem „Parterre“ stehen zwei diskutierende Männer. Die letzten Gäste verlassen die Eckbar und zwei Gestalten stehen im düsteren Licht hinter der Bar und räumen auf. Ich folge der Länggassstrasse. Die Lichtsignale blinken orange, drei Fahrräder mit Dynamo surren auf der anderen Strassenseite stadtwärts. Plötzlich scheinen einige Lichter auszugehen. Dunkler ist es nun, aber nicht auf der Länggassstasse, auf den Nebenstrassen brennt nur noch jede 2. Laterne. Ich biege in den (verglichen mit der Länggasstrasse) stockdunklen Sennweg. Ich höre meine Schritte auf dem Rollsplitt knirschen und durch den gassenähnlichen Weg hallen, kann meine Notizen nicht mehr lesen. Ein oder zwei Fenster leuchten dunkelgelb. Unheimliches Surren von Lüftungen liegt in der Luft, vorne biegen zwei schwarze Gestalten in den Weg ein, wir passieren uns wortlos.
Es folgt eine Kreuzung, ich gehe nach links. Vermehrt liegen nun Tannen auf den Trottoirs: Solche die grün geblieben sind, andere von denen nur noch das Gerippe zusammengeschnürt am Boden liegt. In einer undefinierbaren Ferne ertönt ein orientalisches Pfeifen. Es wird wieder heller, ich nähere mich der Mittelstrasse. An der Tankstelle singt ein junger Autofahrer „House of the Rising Sun“. Ich gehe hin, doch er fährt gerade weg, dann lasse ich mir einen Kaffee aus dem Automaten und fürchte, dass die Kaffeemühle das ganze Quartier aufweckt. Mit dem Plastikbecher in der Hand marschiere ich an der Migros vorbei. Licht dringt durch die Ritzen des Lagereinganges. Ob da wohl Rund um die Uhr gearbeitet wird? Die Zähringerstrasse ist in dunkles Orange der grossen Leuchtbuchstaben eingetaucht.
Im Schaufenster des Trödlergeschäfts leuchtet eine Neonröhre auf die Tische vor dem Geschäft. Allerlei Plunder liegt auf: Zerlesene Bestseller in der selben Kiste wie Frisch, Ratgeber und Bildbände, daneben steht eine Kutsche, Bücherregale und so weiter. Hier ist tatsächlich alles Rund um die Uhr erhältlich, die Kasse hängt an der Mauer neben den Eingangstüren. Heute sagt mir nichts zu, ich ziehe weiter Richtung Hochfeldstrasse. Auf mehreren Balkonen brennen Kerzen. Ein dumpfes Rauschen hängt in der Luft: die Autobahn. Absätze klappern über den Asphalt in meine Richtung. Über dem schwarzen „Türmli“-Schulhaus, das ich vom Zähringerhang nur erahne, prangt Orion. Die Häuser zu Seiten des Hanges mimen im Gegenlicht ein Burg, und auch nur von unten. Kahle, knorrige Bäume fallen im fahlen Licht plötzlich auf, nehmen ein Gesicht an, wenn auch nur für die Nacht. Auf der düsteren Hochfeldstrasse gehe ich an den Schulhäusern vorbei, an jenen schwarzen Blöcken. Mein Schatten zieht sich mitten auf der Strasse in die Länge und verblasst allmählich, nur um sich sogleich von hinten wieder anzuschleichen. Ausser mir sind keine Nachtschwärmer unterwegs. Bisweilen ist es ein wenig unheimlich, zugegeben.
In einem Senkloch fliesst ein Bächlein. Noch vermisse ich mein Lieblingsgestirn, den Mond. (Ich sollte dann erfahren, dass beinahe Neumond war). Die Glocken schlagen 1:45 Uhr. Eine Polizei- oder Ambulanzsirene setzt in der Ferne ein, dann wieder aus, dann wieder ein, sie nähert sich und entfernt sich dann wieder, plötzlich sind es mehrere Sirenen, die noch etwa zwei Minuten zu vernehmen sind und schliesslich zu schweigen scheinen. Fast ein bisschen grossstädtisch anmutend, denke ich, verwerfe den Gedanken aber, wie ich in der Waldheimstrasse gehe.
Als Kirchturm deute ich einen schwarzen, in die Höhe ragenden Schatten. Mein Blick wird aber abgelenkt von einer rot und orange flackernden Lichterkette beim Pizzarestaurant an der Freiestrasse. Wie ich mich nähere, stelle ich fest, dass die Lämpchen noch mehr Farben auf Lager haben: blau, grün, gelb. Die Tanne, an der die Lichter blinken, geht im Spektakel unter.
Gegenüber des Glascontainers schaue ich in ein karg eingerichtetes Wohnzimmer, in dem sich zwei kreideweisse Personen zu unterhalten scheinen. Dann dröhnen mir zehn Glockenschläge entgegen: es ist zwei Uhr. Ein ungeheures Surren geht aus vom chemischen Institut, im TKI blinken sonderbare grüne LEDs durch die dunklen Scheiben.
In der Mitte des Bühlplatzkreisels drehe ich mich mehrmals um die eigene Achse. Ein Pärchen, er lenkt und sie sitzt hinten, den Kopf an seinen Rücken gelehnt, fährt auf einem Velo an mir vorbei.
Die Laternen verleihen der Erlachstrasse einen grünlichen Schimmer. Ein eisiger Wind weht mir entgegen, vor Kälte fällt mir mein Stift zu Boden. Um 2:15 stehe ich vor dem Falkenplatz unter der Uhr. Aus dem Parterre starren mich zwei Gestalten an. Ein Velofahrer radelt vorbei. Ein zweiter ruft ihm zu, ob er gefunden habe? Ich überquere die Länggassstrasse, Am Stadtplan klebt ein Plakat mit einer pixeligen Foto, die einen Mann mit Schnurrbart darstellt. Darunter geschrieben, in klobigen Buchstaben: DJ Peter Bieri. Die Musik unten im Plaza ist verstummt. Ob da ein Bezug besteht zu diesem DJ, bezweifle ich. Die Schanzenstrasse gehe ich vor Kälte im Laufschritt hinunter.
Sonntag, 9. März 2008
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