
Schnee
Die Nationalstrasse nach Ifrane führt über ein verschneites Hochplateau. Über ein Meter Schnee sei vor einer Woche noch auf der roten Erde gelegen sein, die sich nun in der milden Luft und bei Sonnenschein durch die Schneeschicht frisst.
In der kargen Landschaft stehen vereinzelt Männer mit Schnurrbärten in traditionellen braunen Qaftanen, ihre Tätigkeit wird erst bei genauerem Hinsehen ersichtlich. Die Ebenen schlucken ihre Schafherden.
Vor Ifrane windet sich die Strasse einige Male, ehe aus den Tannenwipfeln die hohen, mit Ziegeldächern gegiebelten Gebäude heraus wachsen. Die Fakultät der arabischen Burgeoisie, gegründet und gestiftet vom verstorbenen Saudischen König Fahd. Ein Stoppschild heisst uns anzuhalten, nach kurzer Musterung winken uns die Polizisten von der Einfahrtskontrolle vorbei. Die Abzweigung zum Campus wird von grüngekleideten, mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten bewacht. Weiter hinten sieht man die Strasse sich zum Campus emporschlängeln, die Anweisungen auf den Gebotsschildern sind eindeutig: Tempo 20 und Hupen verboten (die Hupe, die sonst anstelle der Bremse verwendet wird...).
Ifrane liegt auf ca. 1700 M.ü.M. im Mittelatlas, das Lieblingsausflugsziel aller Bevölkerungsschichten, in der Gegend und trotzdem fällt sofort auf, dass hier des Königs grosse Aufmerksamkeit gilt. In seinen gut abgeschirmten Palast verbringt er in angenehmer milder Luft den Sommer, holt Staatsmänner von höchster Brisanz hierher (Shimon Perez) und legt grossen Wert auf das Erscheinungsbild der Stadt. Man könnte sich gerade so gut in einem schweizer, oder deutschen Villenvorort befinden. Rote Giebeldächer, Gartenzäune, gepflegte Parkanlagen, immense Schilder die zweisprachig auffordern: „Helft mit, die Stadt sauber zu halten!“.
Wir fahren auf der Hauptstrasse durch die Stadt, auf der rechten Seite reihen sich die Villen, Zweit-, oder Drittwohnungen, während auf der linken Seiten auf einem Hügel aus dem Zedernwald der Königspalast herausragt. Ein hoher Zaun, bewacht von Militärs deutet bereits darauf hin, dass es sich um keinen öffentlichen Raum handelt. ( Ahmed, ein Freund von mir in Fes, fürchtet sich sogar, als auf einer Dachterasse in der Feser Altstadt standen, in Richtung Mauern des Königpalastes zu schauen, da dies ebenso verboten ist, wie über den König zu sprechen.)
Wir verlassen die Stadt und die Strasse beginnt zu steigen. Sofort bildet sich Stau, gleich mehrere Lastwagen, wohl noch aus den siebziger Jahren bekunden mit schwarzen Russwolken ihre Mühe den Berg zu beklimmen. Ein Fahrer hinter uns ergreift die initiative und beginnt mit einem Überholmanöver. Erst als das Fahrzeug auf der Gegenfahrbahn lichthupend bedrohlich nahe kommt, schwingt er sich zurück in die Kolonne. Das Spektakel wiederholt sich unzählige Male und am Abend wird in den Nachrichten von einem Unfall auf der selben Strecke berichtet, ein Sammeltaxi ist frontal mit einem PW zusammengekracht, über ein Duzend Menschen verloren ihr Leben dabei.
Wir parken den Wagen vor einem Bergrestaurant, folgen einem Fussweg, der uns durch einen Wald zu einem Skigebiet führt. Die verschneite Talmulde, der Duft der klaren Luft, die den Hauch der umliegenden Tannen trägt, lassen mich immer wieder nach der rotten Flagge mit dem grünen fünfzackigen Stern suchen.
In der Menge tummeln sich Männer, die ihre aus Paletten und alten Skiern gebastelten Schlitten für 10 Dirham die halbe Stunde vermieten, reiche Libanesen in gemieteten Offroadern, Diplomaten aus Rabat, einfache Leute, doch die meisten bewegen sich mit einer gewissen Unbeholfenheit im Schnee. Allen ist eine grosse Freude über den Schnee gemein.
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